Roxy Music


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Es ist ganz einfach, Fan der besten Band zu sein, die diese Welt jemals beglückt hat. Die Erklärung dafür findet sich schon im Mittelteil des ersten Satzes.

Natürlich hat jeder seine Lieblingsband, die Geschmäcker sind schließlich verschieden. Selbst schuld, wenn man einen schlechten hat. Ich denke, ich habe einen ganz guten. Sicher hat auch jeder Mensch mehrere Bands oder Solointerpreten, deren Musik ihn durch seine Jugend, das mittlere Alter oder einfach nur durch besondere Situationen gebracht oder begleitet hat. Aber im Endeffekt gibt es immer nur eine Combo, deren Diskografie man schlussendlich mit auf eine einsame Insel nimmt. Natürlich unter der Voraussetzung, dass einem dort auch ein Abspielgerät zur Verfügung steht.

Mein erster Kontakt mit der wunderbaren Musik von Roxy Music fand Ende der 70er-Jahre statt, im zarten Alter von etwa sieben oder acht Jahren. Zu früh? Klar, denn das Werk von Roxy (Fans sparen sich das Music), gerade die Frühphase von 1972 bis 1976, ist für alles Mögliche geeignet, nur nicht für die kleinen Ohren eines noch nicht mal Vorpubertären. Es war auch zugegebenermaßen nicht die Musik, die mich faszinierte, als ich unbeobachtet und auf Forschungsreise die Plattensammlung meiner Eltern begutachtete. Es war vielmehr ein Plattencover.

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„Country Life“, 1974

Natürlich ist klar, dass ein etwa siebenjähriger Knirps mit einem Cover dieser Art erst einmal hoffnungslos überfordert ist. Die angedeutete Masturbation der Lady links zum Beispiel habe ich erst ein paar Jahre später registriert, so wie die deutlich sichtbare Schambehaarung der Dame rechts. Aber trotzdem ist man schon auf eine gewisse Weise fasziniert. Dazu muss man noch nicht mal ein kleiner Knirps sein, wurde das Album doch umgehend nach (in vielen Ländern auch vor) seiner Veröffentlichung zensiert; sprich, entweder wurde das Cover nur in einem kleinen Ausschnitt gezeigt, oder es erhielt ein komplett neues Artwork. Hätte es damals schon unsere sozialen Netzwerke gegeben, der Shitstorm wäre wohl unvermeidlich und ziemlich heftig gewesen. Von Feministinnen jedweden Geschlechts. Mir war das alles egal. Ich fand das Cover aufregend, auch die der anderen Alben von Roxy, die ich in der Plattensammlung meiner Eltern entdeckte. Und mit den Jahren erschloss sich mir auch Stück für Stück die musikalische Magie von Roxy, mit der ich zu Beginn natürlich recht wenig anfangen konnte.

Roxy Music war nie eine Band, die weltweit große Erfolge verbuchen konnte. Der US-amerikanische Markt wurde so gut wie gar nicht erobert, und in Europa und Lateinamerika waren mittlere bis tiefe Positionen in den Charts eher die Regel denn die Ausnahme. Abgesehen von Avalon (LP – etwas später CD – wie explizit die Single), das letzte, 1982 erschienene Studioalbum. Erdrückend in seiner kalten, berechnenden und doch umwerfenden Schönheit. Absolut perfekt und auf den Punkt produziert, ein Werk , welchem man auch heute noch nicht das Alter anmerkt. Manche halten es für steril und seelenlos. Ich halte es für ein emotionales und zeitloses Meisterwerk ohne ernsthafte Konkurrenz.

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„Avalon“, 1982

Und gleichzeitig war es der innere Abgesang einer Band, die in den zehn Jahren ihrer (ersten) Existenz acht Studioalben veröffentlichte, die – vor allem in den frühen Jahren – ihrer Zeit weit voraus waren. Waren die ersten vier Alben noch rau, ungestüm und teilweise dem später aufkommenden Punkrock einen fruchtbaren Nährboden gebend, begründeten die letzten vier Alben das, was später als New Wave und New Romantic weite Teile der 80er-Jahre bestimmen sollte. Bands wie Duran Duran oder Spandau Ballet, Interpreten wie George Michael nannten Bryan Ferry & Roxy als Einfluss und kopierten auch ziemlich offen Stil und Sound.

Vielleicht war es auch der Stil, der Habitus von Roxy, der dem ganz großen Erfolg trotz einiger Meilensteine der Musikgeschichte letztendlich im Wege stand. Roxy Music waren selbstbewusst, exzentrisch, provozierend und glamourös. Anders. Bryan Ferry gilt neben David Bowie und Marc Bolan als Ikone des Glamrock, wechselte in seinen Bühnenfiguren zwischen selbstverliebtem Pfau, faschistischem Führer, coolem Dandy und stillem Träumer. Alle Cover der Roxy-Platten zierten Aufnahmen halbnackter Models (bis auf Avalon, vielleicht um den damaligen Schlussstrich auch optisch zu manifestieren), die Texte wurden mit deutschen oder französischen Einwürfen versehen, man gab sich ganz allgemein einen Ruf, der eine Dekade später vielleicht zu weitaus größerer Popularität geführt hätte. Man war schlichtweg angenehm dekadent. Sinnbildlich für das Standing der Gruppe dieses wunderschöne Zitat von Bryan Ferry.

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„Andere Bands wollten Hotelzimmer verwüsten. Roxy Music wollten sie neu einrichten.“

Roxy Music lösten sich 1982 auf. Bryan Ferry, der schon während seiner Zeit in der Band einige Alben unter seinem Namen veröffentlichte, wollte sich als Solokünstler von Format etablieren. Dazu gibt es eine landläufige Meinung vieler Roxy-Fans, an der man nicht vorbeikommt. Jedes neue Album von Bryan Ferry kann niemals so gut sein, wie das schlechteste von Roxy Music. Leider ist dies für mich eine Tatsache. Selbst wenn ein neues Album von Bryan Ferry immer noch besser ist, als das meiste was zeitgleich auf dem Markt erscheint (zuletzt Avonmore, 2014), so fehlt ihm doch immer letztendlich das, was man von einem Roxy-Album, von jedem Roxy-Album kennt: die absolut unwiderstehliche Magie. Auch wenn es noch so gut sein mag.

Aber, was alle Alben eint, egal ob Ferry oder Roxy auf dem Cover steht, das ist die unvergleichliche Stimme von Bryan Ferry.

Eigentlich kann Bryan Ferry nicht richtig singen. Er spricht, flüstert, weint, betet und predigt. Über die Unvergänglichkeit der Liebe, oder über ihr bitteres Ende. Über Romanzen, Versöhnung, Enttäuschung, Erwartung. Und er tut dies wie keiner vor, und wie keiner nach ihm. Böse Zungen behaupten, er sei ein Schmalzsänger. Das stimmt. Nur muss man dazu wissen, dass es guten und schlechten Schmalz gibt. Dies ist der perfekte Schmalz. Und eigentlich ist mir auch keine Frau bekannt, die dieser Stimme nicht früher oder später erlegen ist. Es gibt ein paar Frauen, die mir für ziemlich wenig dankbar sind. Vielleicht zurecht. Aber sie danken mir heute noch, sie mit der Stimme von Bryan Ferry bekanntgemacht zu haben. Und insofern ist es egal, ob man sich das punkig-rotzige Virginia Plain von 1972 gibt, oder das neuere, samt dahergleitende One Night Stand. Bryan Ferry macht aus jedem Song, auch aus seinen vielen Coverversionen, ein großes Stück Kino für die Ohren. Und manchmal auch für’s Bett.

2001 gab es die von Fans lang ersehnte Roxy-Reunion, allerdings nur für Live-Auftritte. Seitdem tourt Bryan Ferry mal mit Roxy, mal solo um die Welt. Ich hoffe, das wird noch sehr lange der Fall sein.

¡Viva Roxy!

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 Discography

Til-Schweiger-Filme


Das letzte Mal, dass ich das Vergnügen hatte einen Til-Schweiger-Film im Kino zu goutieren, war Ende 2009. Der Film hieß Zweiohrküken, und ich wurde damals mit dem Versprechen in die Essener Lichtburg gelockt, einen unvergesslichen Nachmittag zu erleben. Ich war damals vielleicht noch etwas naiver, als ich es heute bin.

Til-Schweiger-Filme fanden bis dato in meinem Leben quasi nicht statt. In den 90ern habe ich – wie wohl jeder andere auch – Der bewegte Mann gesehen, die durchaus gelungene Verfilmung eines Ralf-König-Comics von Sönke Wortmann (Manta, Manta, ein paar Jahre vorher, lief komplett an mir vorbei. Trotz einer sehr interessanten Tina Ruland). Ich dachte mir damals eben: Okay, dieser Til Schweiger spielt seine Rolle ziemlich gut. Nämlich die eines semi-intelligenten, permanent gelangweilt aussehenden und mit der Mimik einer Pizza Margherita ausgestatteten James-Dean-Verschnitts für Anspruchslose. Dass es nicht gespielt war, konnte ich damals ja noch nicht wissen.

Aber, eine Begebenheit etwa zwei Jahre vor diesem Winter 2009 hätte mir zu denken geben müssen. Nämlich die freudenstahlenden Augen einer damaligen Freundin, verbunden mit dem fatalen Ausspruch: „Schau mal, ich habe uns für heute Abend Keinorhasen ausgeliehen. Schön, oder?“ Bei jedem Mann, der noch nicht komplett in den Wirren der Evolution versunken ist, muss allein die Erwähnung, die pure Existenz eines Begriffs wie Keinohrhasen zu einer verstärkten Panikattacke und augenblicklich ins Leben gerufener Abwehrmaßnahmen führen. Aber, wie ich schon erwähnte, wahrscheinlich war ich damals einfach nur etwas naiv.

Jedenfalls, auf Zweiohrküken trifft ziemlich exakt das zu, was auch schon den grenzdebilen Vorgänger Keinohrhasen auszeichnete. Eine Story, mir der man bestenfalls einen 15-minütigen Kurzfilm im Nachtprogramm von 3Sat ernsthaft füllen kann, ein Drehbuch mit Dialogen, die vielleicht auf dem Schulhof bei frühpubertierenden Nichtverstehern Tagesgespräch in der großen Pause sind und dazu ein Soundtrack, der zu rund 90% aus den Film dauerberieselnden, extrem seichten Popsongs aus dem deutschen und angelsächsischen Raum besteht, deren Refrain man nach zwei Minuten Gott sei Dank wieder vergessen hat. Außerdem – und das ist wirklich bezeichnend – sind die meisten Schweiger-Filme in einem sepia-artigen Licht abgedreht, nach Art eines Weichzeichners, welches wohl Glück und Zufriedenheit suggerieren soll. Von wegen. Sieht aus wie ein billiger Softporno, nach dem Genuss einer Flasche Rotwein.

Dazu das Sahnehäubchen eines jeden Til-Schweiger-Films: Til Schweiger. Ein nuschelnder Volldepp ohne jedwedes Charisma, mit der Ausstrahlung eines nassen Bierdeckels. Ein Sexsymbol für untervögelte Hausfrauen, die den Großteil ihres enttäuschend verlaufenen Lebens – und damit ihre besten Jahre, falls es die mal gab – schon vor Ewigkeiten hinter sich gelassen haben.

Es gibt nichts Gutes, nichts Sehenswertes an einem Til-Schweiger-Film. Außer ab und an die anbetungswürdige Nora Tschirner, die sich merkwürdigerweise dazu herabgelassen hat, in einigen Filmen des schauspielerischen Leichtmatrosen mitzuwirken. Selbst Inglourious Basterds, ein Film des von mir hochgeschätzten und verehrten Quentin Tarantino, zeigt deutliche Ausfallerscheinungen, sobald einer der Handlungsstränge auf Til Schweiger zuläuft. Es ist definitiv einer der schwächeren Film von Tarantino.

Und wer das Glück, das Vergnügen hatte mit der prägenden Figur des Horst Schimanski als ermittelnder Tatort-Kommissar in Duisburg aufzuwachsen, der weiß, dass auch die Figur des Nick Tschiller nur ein farb- und kraftloser Abklatsch ist, dargestellt von einem Mann, dessen Schauspielkunst und die damit verbundenen Emotionen so aussagekräftig ist wie die Speisekarte eines abgewirtschafteten Dönerladens am Provinzbahnhof von Oer-Erkenschwick.